Anwaltsbüro
Gino Keller
Fürsprecher/Rechtsanwalt lic. iur., LL.M. in internationalem Wirtschaftsrecht Fachanwalt SAV Familienrecht
Hinweise (Wissenswertes)*    Fragen und Antworten zum Anwaltsberuf selbst  1. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen "Rechtsanwalt/ Rechtsanwältin", "Fürsprecher/Fürsprecherin", "Advokat/Advokatin" und "Notar/Notarin"? Und, was ist ein Fachanwalt SAV?  Mit den Begriffen Fürsprecher/Fürsprecherin, Fürsprech, Rechtsanwalt/ Rechtsanwältin und Advokat/Advokatin ist immer das selbe gemeint. Da es sich um ein kantonales Patent handelt, sind die Ausdrücke mehr lokal bedingt. Wer aber zum Beispiel ein aargauer FürsprecherInnen-Patent hat, darf sich auch Rechtsanwalt/ Rechtsanwältin oder AdvokatIn nennen. Die Anwälte (als Oberbegriff) sind beratend und/oder prozessierend tätig. Sie vertreten im allgemeinen bloss eine Partei (vgl. Begriff Interessenkollision).  Der Notar/Die Notarin hingegen ist dafür zuständig, Verträge öffentlich zu beurkunden usw. Dies sieht das Gesetz zum Teil vor (Grundstückkauf, Erbverträge, Eheverträge, öffentliches Testament). Er/Sie hat es meistens mit mindestens zwei Parteien zu tun, vertritt keine von beiden ausschliesslich.  Wieso sich ein Anwalt "Fürsprecher" nennt, obwohl der Begriff Rechtsanwalt viel geläufiger wäre? Die Antwort liegt zumindest beim Verfasser dieses Textes im Selbstverständnis des Berufes: Jeder Anwalt vertritt einen Menschen, spricht für ihn, setzt sich für ihn ein. Dies ist das primäre Ziel. Das Recht selbst ist dabei Grenze und mehr Mittel als Ziel. Deshalb ist man nicht primär Anwalt des Rechts, sondern Anwalt des Klienten/der Klientin, spricht-für-ihn/-für-sie; darum ist der Name "Fürsprecher" mehr als treffend gewählt.  Die Fachanwältin SAV oder der Fachanwalt SAV: (Schreibender ist Fachanwalt SAV Familienrecht, wozu Scheidungen, Regelung der Trennung, Regelung von Unterhaltsfragen usw. gehören):  Es gibt im Ausland bereits seit langem Fachanwälte; in der Schweiz wurde es vor wenigen Jahren eingeführt (der Zusatz SAV ist die Abkürzung für "Schweizerischer Anwaltsverband"). Das Ziel ist, eine Spezialisierung für Anwälte vorzusehen, wie es die Ärzte seit langem kennen ("FMH"). Um Fachanwalt SAV werden zu können, muss man Anwalt/Anwältin sein, bereits seit einigen Jahren im Fachbereich tätig sein, sollte mindestens in 50 % seiner Fälle in diesem Fachbereich arbeiten. Dann muss man eine universitäre Weiterbildung absolvieren. Diese ist in Modulen und berufsbegleitend aufgebaut und wurde von mehreren schweizerischen Universitäten gemeinsam mit dem Schweizerischen Anwaltsverband entwickelt. Man muss die nötigen Prüfungen der Universitäten und ein Fachgespräch mit der Fachkommission des Schweizerischen Anwaltsverbandes bestehen. Man muss sich ständig weiterbilden und sich darüber auch ausweisen.  Die Fachanwälte und Fachanwältinnen SAV Familienrecht haben einen Verein gegründet mit einer eigenen Hompepage: http://www.scheidung-divorce.ch.  2. Was sind Standesregeln für Anwälte / Wie sind die Klienten geschützt:  Der Anwalt/Die Anwältin muss zunächst über ein juristisches Studium verfügen, ein Praktikum nachweisen und ein kantonales, schweizerisch anerkanntes Anwaltsexamen bestehen (das sogenannte "Anwaltspatent"). Zudem muss sich der Anwalt/die Anwältin in ein kantonales Register eintragen lassen, darf dann aber schweizweit tätig sein. Er/sie muss eine Haftpflichtversicherung nachweisen, darf keine Verlustscheine in seinem Betreibungsregister zu beklagen haben und muss einen guten Leumund haben. Zudem steht er/sie unter einer staatlichen Aufsicht durch eine Aufsichtsbehörde.  Ausserdem sind die meisten Anwälte/Anwältinnen in einem Berufsverband organisiert (vgl: "http://www.sav-fsa.ch/"). Dieser übt ebenfalls eine Aufsicht aus und stellt Regeln auf, welche man als Standesregeln bezeichnet. Hauptsächlich massgeblich ist aber primär das Bundesgesetz über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte (BGFA), welches die Berufsregeln festlegt.  3. Was ist eine Interessenkollision?  Ein Anwalt/eine Anwältin darf nicht zwei Parteien gleichzeitig vertreten, wenn deren Interessen sich widersprechen; es gibt weitere Fälle, bei denen der Anwalt/die Anwältin ein Mandat nicht annehmen darf, weil eine Interessenkollision droht.   4. Was ist eine unentgeltliche Rechtspflege?  Die unentgeltliche Rechtspflege ermöglicht es jemandem, der die Mittel dazu nicht hat, in den Genuss staatlicher Leistungen für Gerichts- und Anwaltskosten zu kommen. Relativ häufig, zum Beispiel bei Ehescheidungsverfahren, reicht das Einkommen nicht mehr aus, um den betreibungsrechtlichen Notbedarf zu decken. Dann kann man ein solches Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege erfolgreich stellen (sofern auch kein nennenswertes Vermögen vorhanden ist). Allerdings fordert der Staat das Geld zurück, sofern man wieder in bessere Verhältnisse kommt (im allgemeinen innert 10 Jahren). Wirklich "unentgeltlich" ist es somit also nicht.  Bitte fragen Sie nach.  Zu unterscheiden ist dies von der unentgeltlichen Rechtsauskunft, welche im Kanton Aargau in den Bezirkshauptorten zweimal pro Monat stattfindet. Dies ist eine Leistung des Anwaltsverbandes. Allerdings sind nur kurze Fragen, die ad hoc beantwortet werden, möglich; umfassende Beratungen sind nicht kostenlos möglich.    5. Was ist der Unterschied zwischen "beratend" und "prozessierend"?  Die meisten Menschen erwägen erst dann, zu einem Anwalt zu gehen, wenn ein Prozess vor der Türe steht oder sogar erst dann, wenn sie bereits mittendrin sind. Es gilt aber auch in diesem Zusammenhang: Vorbeugen ist besser (und günstiger) als "heilen". Vertragsprüfungen, Vergleichsgespräche und andere prozessvermeidende Handlungen kosten im allgemeinen viel weniger, sind rascher und weniger aufreibend als ein Prozess. Prozesse können sich oft über Jahre hinziehen und das Risiko ist oft nicht wirklich abschätzbar. Eine Beratung wäre in vielen Fällen daher angebracht. Der Anwalt bringt hier Erfahrungen mit, die auch bei der Suche nach Lösungen mit der Gegenpartei oft sehr förderlich sind. Die Vertragsprüfung kann vielleicht nicht jeden Prozess vermeiden, jedoch eine wesentliche Zahl bzw. kann zumindest die Prozesschancen erhöhen.    6. Sollten Sie einen Anwalt oder eine Anwältin beiziehen?  Nachfolgend beispielhaft einige Fragen. Wenn Sie diese in der gegebenen Situation nicht beantworten können, sollten Sie sich den Beizug eines Fachmanns oder einer Fachfrau zumindest überlegen:    Erbrecht:  - Ein Elternteil oder der Ehepartner ist gestorben. Es geht um die Verteilung der Güter zwischen dem überlebenden Elternteil und den Kindern. Ist Ihnen der Unterschied zwischen Güterrecht und Erbrecht klar?  - Es gibt Grundstücke im Nachlass, welche an Erben gehen sollen; müssen Sie einen notariellen teuren Kaufvertrag machen?  - Kennen Sie die Unterschiede zwischen Erbteil und Pflichtteil, Herabsetzungsklage und Ungültigkeitsklage? Wissen Sie, welche Fristen gelten?  - Die verstorbene Person hatte ein Unternehmen und theoretisch könnten Haftpflichtfälle drohen; wissen Sie, wie sich schützen können?   Scheidungsrecht:  - Ihr Partner/Ihre Partnerin betrügt Sie. Sie wollen sich scheiden lassen. Wissen Sie, ob Sie dies gegen den Willen Ihres Gatten/Ihrer Gattin tun können?  - Sie möchten sich einvernehmlich scheiden lassen. Verstehen Sie die Begriffe güterrechtliche Auseinandersetzung, nachehelicher Unterhalt, Indexierung, elterliche Sorge, geteilte elterliche Sorge, Besuchsrecht, Ferienrecht, BVG-Ausgleich, Kostenverteilung, Vorsorgeunterhalt?   - Sie möchten sich von Ihrem Ehepartner/Ihrer Ehepartnerin trennen. Kennen Sie die persönlichen und finanziellen Folgen? Wissen Sie, wer zuständig ist, worauf man achten muss, wieviel Sie zahlen müssen oder erhalten können?    Allgemeines Vertragsrecht:  - Sie wollen einen Vertrag schliessen. Sind Sie sicher, dass Sie an alles gedacht haben? Haben Sie das Kleingedruckte wirklich verstanden?    - Sie streiten über einen Vertrag. Sind Sie sicher, dass Ihre Auffassung, wie Sie den Vertrag verstehen, die "richtige" ist?    Arbeitsrecht:  - Sie wurden fristlos entlassen oder Sie wollen einen Mitarbeiter/eine Mitarbeiterin fristlos kündigen. Wissen Sie, wie Sie vorgehen müssen? Kennen Sie die Fristen? Ist Ihnen der Begriff "Entschädigung für eine ungerechtfertigte fristlose Kündigung" geläufig? Kennen Sie als ArbeitgeberIn das Risiko beim Wegfall der Pensionskasse (Ersatzpflicht bei Invalidität als Risiko)?  - Wissen Sie, was eine Abredeversicherung ist?   - Sie werden krank oder Ihr Mitarbeiter ist krank. Kennen Sie die Konsequenzen für den Arbeitsvertrag?    Mietrecht:  - Sie wollen einem Mieter kündigen. Wissen Sie, wie man vorgeht?  - Sie wollen als Mieter kündigen. Wissen Sie, wie man vorgeht?  - Sie wollen den Mietzins anpassen. Wissen Sie, wie man vorgeht?  - Sie haben Streit wegen Mieterschäden. Wissen Sie, wie man dies beurteilt und wie man vorgeht?    Führerausweisentzug:  - Sie erhalten einen Strafbefehl von einer Staatsanwaltschaft (im Kanton Aargau). Kennen Sie die Konsequenzen? Ist Ihnen bewusst, dass später allenfalls auch ein Führerausweisentzug droht? Kennen Sie die Vorgehensweise, wenn Sie sich auch dagegen wehren möchten?    Generell:  Sie haben ein Problem mit einer Behörde, einem Verwandten, einem Nachbarn, einem Mitarbeiter oder einem Chef. Sie schliessen Verträgen. Sie erhalten Verfügungen von Ämtern, Sie fahren Auto und werden gebüsst usw. Sind Ihnen die Konsequenzen, die sich ergeben können, immer bewusst? Wäre es möglicherweise günstiger, bevor Sie einen Vertrag unterzeichnen, zu fragen?    Beispiele (fiktiv und doch alltäglich):  - Herr Z. wird zu Unrecht gebüsst. Die Busse erscheint jedoch relativ gering zu sein. Weil er ein friedvoller Mensch ist, zahlt er die Busse. Einen Monat später erhält er ein Schreiben des Strassenverkehrsamts. Ihm wird der Führerausweis für drei Monate entzogen. Der Arbeitgeber kündigt ihm hernach, weil Herr Z. ohne Führerausweis nicht eingesetzt werden kann.   - Der Vater von Herrn M. ist gestorben. Er hat das ganze Vermögen einem Schulfreund vermacht. Herr M. will sich mit diesem Schulfreund einigen, damit zumindest sein Pflichtteil geschützt bleibt. Weiss Herr M., wie lange er dafür Zeit hat? Wenn nicht, verliert er vielleicht alles.   - Vermieterin K. will ihren Neffen bei sich haben und kündigt daher der Mieterin F. Frau K. und Frau F. sind gute Freundinnen und so erfolgt die Kündigung nur mündlich. Am Auszugstermin gibt es Probleme mit der neuen Wohnung von Frau F. Deshalb bleibt sie einfach in der alten Wohnung. Der Neffe steht mit seinen Möbeln vor der Türe. Es kommt zum Streit und am Ende gibt das Gericht wem recht? Die Antwort könnte Sie erstaunen....   - A. gewährt dem guten Freund B. ein Darlehen über Fr. 10'000.--. Die beiden vereinbaren nichts Schriftliches. Nach einem halben Jahr zahlt B. das Darlehen zurück, wiederum ohne Quittung. A. hat mit Gedächtnisproblemen zu kämpfen und schreibt ein Jahr später an B: "Wann zahlst Du mir die Fr. 10'000.-- zurück, die ich Dir geliehen habe?" Was antwortet B, wenn er sich nicht vorher beraten lässt? Er wird zurückschreiben: "Ich habe Dir die Fr. 10'000.-- zurück bezahlt." Es kommt zum Prozess. Wer gewinnt? Mit grosser Wahrscheinlichkeit der A, obwohl er im Unrecht ist und wohl nur deshalb, weil sich B nicht beraten liess, bevor er sein Schreiben versandte.  - F. geht vor Gericht und klagt Y über Fr. 300'000.-- ein. Er macht diverse prozessuale Fehler, besonders, weil er klare Beweise nicht bezeichnet. Das Bezirksgericht hat aber Verständnis und schützt die Klage. Y. müsste alle Kosten bezahlen. Der Anwalt von Y führt Berufung ans Obergericht und nun verliert F. den Prozess. Da Y einen Anwalt beigezogen hat, muss F diesem Anwalt für beide Instanzen über Fr. 35'000.-- bezahlen. Hinzu treten Gerichtskosten von über Fr. 15'000.--. Hätte F. einen Anwalt beigezogen, wäre er somit vermutlich um Fr. 350'000.-- reicher.  Allerdings muss man einschränkend sagen, dass natürlich ein Anwalt auch keine "Wunder" vollbringen kann. Der Erfolg ist nicht garantierbar. Die Wahrscheinlichkeit erhöht sich jedoch je nach Fall erheblich.  Entscheiden Sie selbst: Hätte es sich nicht für diese Menschen allenfalls gelohnt, vorher zu fragen, auch wenn es etwas "gekostet" hätte?

© by Gino Keller 2015/2016